February 17, 2009

Paradies am Ende der Welt (8.-13.2.)

Der Höhepunkt unserer Reise hätte schöner und einzigartiger nicht sein können.

Anreise und Tag 1

Morgens 10 Uhr wurden wir in Coyhaique mit Allrad-Pickup abgeholt. Unser Fahrer Fabian startete mehr als 4 Stunden vorher von der Hacienda. Für uns ging es nun den selben Weg zurück, anfangs über asphaltierte Straßen, später über den berüchtigteren Teil der Carretera Austral Sur. Ein Schotterweg, mal grob, mal fester, durch dichte Wälder, entlang an unendlich weiten Tälern mit grünen Lagunas oder türkisblauen Seen und über zerklüftete Bergketten. Wir streiften kleine Orte, die mit Satellitentelefon und fließendem Wasser für sich warben, vorbei an vergessenen Häusern, reitenden Gauchos und immer wieder Kühe, Schafe oder Pferde versteckt zwischen Bäumen oder auf Weiden. Mulmig wurde uns nur bei Gegenverkehr, welcher von Staub umgeben ein Jeep oder ein doch Truck sein konnte.

Trotz der schlechten Straßen fühlten wir uns sicher und konnten die ganze Zeit die Augen nicht von der Landschaft lassen. Wie in den kommenden Tagen auch, lieferte uns die Natur erst im späteren Verlauf des Tages die besten Aussichten, ohne Wolken und mit fantastischen Lichtbrechnungen in den Schluchten und Bergketten. Jeder Morgen und Abend verwandelte die Landschaft in ein Lichtspiel, die ziehenden Schatten der vereinzelten Wolken taten ihr Übriges.

Ankunft

Als Fabian irgendwann, unsere Ungeduld bemerkend, meinte, dass es nicht mehr weit sei, hielten wir jedes Haus an einem See für unser Ziel. Als wir eine Weile keine neuen Häuser mehr sahen, zeigte unser Fahrer dann endlich auf eine Ansammlung von mehreren Cabañas am Strand eines tiefblauen Sees. Links und rechts erhoben sich steile Hügel vor dem Panorama der schneebedeckten Berge. Die Haupthäuser lagen an einer weiten Wiese, daneben schmiegten sich 3 Cabañas (Holzhäuser im chilenisch traditionellen Stil) zwischen vereinzelte Bäume. Direkt am leicht steinigen Ufer waren 2 Saunen und ein wenig abseits davon in den Waldesrand eingebettet das überdachte Jacuzzi.

Wir wurden sogleich von Damiano, einem Schweiz-Italiener, für die Public Relations im Hotel verantwortlich, mit offenen Armen empfangen. Bei einem Pisco Sour, dem bisher besten, erzählte er vom anstehenden Programm “Erlebnis Patagonien”, dem Haus und den Möglichkeiten. Jede Cabaña hatte vier traumhafte Zimmer, zusätzlich gab es abseits noch einzelne Cabañas für 4 Personen. Jedes Zimmer hatte den einmaligen Blick auf das Wiese-See-Berge-Panorama. Ausgestattet mit einen kleinen Holzofen, einem Bett mit Blick auf die wandbreite Fensterfront und iPod-Anlage war alles nötige in nur einem Raum versammelt, was einem Gast den Aufenthalt noch mehr versüssen sollte. Das Bad und die geräumige Ankleide waren hinter einer mannshohen Trennwand, welche das Zimmer drittelte. In den Stühlen auf der großen Terasse konnte man das Lichtspiel auf den umliegenden nahen und fernen Bergen von morgens bis abends genießen und des nachts dann die unzählbaren Sterne. Drinnen wurde es nie richtig kühl und zum Aufwärmen nach der Saune verbreitete der Ofen mit wenigen Handgriffen knisternde Kuschelwärme.

Nachdem wir mit leuchtenden Augen das Zimmer mehrmals umrundet hatten, ging’s zu einer kleinen Rundfahrt auf dem See. Danach paddelten wir nochmal im Zweierkayak über den Lago Negro um den letzten Sonnenstrahlen über den Bergen näher zu kommen. Vom Kayak runter, beschlossen wir direkt noch in die Saune und ins Jacuzzi zu gehen. Später gab uns das umwerfende Abendessen den Rest und wir mussten der abendlichen Pokerrunde von Personal und Gästen gemeinsam absagen.

All diese Entspannungsmöglichkeiten halfen nicht gegen das Ziehen über unseren Mundwinkeln, weil wir beim besten Willen unser überaus zufriedenes und glückliches Lachen nicht verbergen konnten.

La Cabalgata (Ausritt)

Alles hatte unsere Erwartungen um Längen übertroffen. Als weitere Bestandteile des Programms waren jeden der drei kommenden Tage Ausflüge geplant. Am ersten Tag führte uns Henry (ein waschechter Patagonier aus dem beachbarten, 50km entfernten, Ort Puerto Guadal hoch zu Roß auf eine der umliegenden Bergspitzen zum Hacienda-eigenen “Mirador Quatro Lagos” (Aussichtspunkt der 4 Seen). Der erste Teil der gemeinsamen Strecke war vorallem bei Antje’s Pferd nicht von viel Zuspruch gekrönt. Die ca. 15 Pferde, welche allesamt der Hacienda gehören, sind die meiste Zeit freigelassen auf dem weiten Gelände um die Hacienda und grasen oder tollen herum … sind also der Arbeit eher abgeneigt. Aber der “macho” (zu dt. Hengst) genannt “cara de queso” (Käsegesicht) hat etwas später dann auch irgendwie gemacht, was sie mit ihren Zügeln vorgegeben hat oder er ist auch einfach nur Henry auf seinem Schimmel hinterher gegangen, aber das weiss wahrscheinlich nur “cara de queso”. Die Aussicht war großartig und mit jedem Trab näher an den Gipfel, verschwanden weitere Wolken und als wir schließlich ganz oben ankamen, konnten wir die vollkommene Sicht auf die gegenüber befindlichen Berspitzen mehrere kleine Gletscher eingeschlossen und auf die 4 darumliegenden Seen genießen. Der absolute Höhepunkt war ein aufsteigender Condor, auf den uns Henry aufmerksam machte und der dann durch die Lüfte ein paar Kreise zog, bevor er hinter einer der unzähligen Bergkuppen verschwand.

Wir wurden beim anschließenden Zurückreiten sogar richtig übermütig und sind beide das erste Mal Trab und Gallopp geritten. Anfangs noch zaghaft um sich an das Schütteln im Sattel zu gewöhnen und dann immer sicherer und länger (und mit lauterem Jauchzen). Wenn wir nicht noch einmal dazukommen sollten, am Seeufer einen kurzen Ausritt zu geniessen, werden wir es später auf jeden Fall wiederholen. Die Pferde waren durch den steilen Weg und die Sonne am Ende sichtlich geschafft. Wir waren dankbar für diese erste tolle Erfahrung und haben uns mit noch ein paar Streicheleinheiten versucht erkenntlich zu zeigen.

Zu jedem Ausflug, die nur für uns zwei durchgeführt wurden, hat uns stets einer der jungen Mitarbeiter der Hacienda begleitet. Wir haben so die Möglichkeit gehabt, nicht nur die jeweilige Exkursion mit vielen persönlichen Anmerkungen zu genießen, sondern vorallem Antje hat dies genutzt um die Chilenen in Gespräche zu verwickeln bzw. mit Fragen zu löchern um so die Antworten zu bekommen, die kein Reiseührer geben kann. Das war natürlich unglaublich interessant, denn ein paar der Haciendamitarbeiter sind deutscher Herkunft oder haben deutsche Eltern und so liefen die Gespräche zum Teil auf deutsch ab.

Den Nachmittag unseres ersten Tages haben wir dann nicht zum Ausruhen nutzen wollen, sondern haben das Rafting-Angebot gleich hinten rangehängt. Um ein Boot gut zu besetzen sind noch 3 Mitarbeiter mit gekommen und 2 Guides, die sich im Kayak und Rafting supergut auskennen. Wir brauchen gar nicht erwähnen, dass auch das ein einmaliges Erlebnis war - und scheinbar nicht nur für uns sondern auch für Marcelo und Claudia aus dem Restaurant der Hacienda. wir lachen uns jetzt noch verschmitzt an, wenn uns eines der Paddelkommandos wiedereinfällt, dass Alberto oder Oswaldo gerufen haben um die Mannschaft durch die Stromschnellen und hinterlistige Strudel zu lenken sowie die Stimmung an Bord anzuheizen.

Den Abend haben wir erneut im Jacuzzi und mit einem Saunagang sowie fantastischem Gaumenschmaus ausklingen lassen.

Fortsetzung folgt …

und weiter gehts, wie versprochen:

Salto Río Baker & Tamango

Der erste Morgen startet mit einem mindestens genauso großen Staunen, als wir die Jalousien öffnen und den von morgendlichen Sonnenstrahlen angeleuchteten Lago Negro erblicken. Die Pferde grasen schon ganz friedlich und die zwei zur Hacienda gehörenden Hunde Pata (Bernhardiener) und Gonia (eine gelbäugige und absolut schmusesüchtige Mischlingshündin) - der Name ist natürlich kein Zufall ;) - spielen mit einander, jagen Enten oder bellen die Pferde an, welche sich davon kein bisschen beeindruckt fühlen. Zum Fühstück gibt es selbstgemachte Nussschnecken, Marmelade und Brötchen. Nach den Nussschnecken habe ich Claudia -eine der beiden Kellner, von denen wir stets zu unserem besten Wohle umsorgt werden- gefragt, und sie hat stolz geantwortet, dass alles selbstgemacht ist, die Marmelade, die Brötchen und das Brot, einfach alles, ausser der Butter. Einmal die Woche kommt eine große Lieferung per LKW aus Santiago. Heute gehts zum Salto Río Baker (einer Stromschnelle, die erst himmelblau und dann kurz hinter einem Zufluss mit viel Gletscherschmelzwasser mit viel Schwemmmaterial nur noch gelbgräunlich ist und nicht mehr geeignet zum Fischen, wie wir von dem Chiloten Ricardo erfahren). Weiter fahren wir in den “nahegelegenen” Nationalreservat Tamango, da wir aber schon an die Strecken gewöhnt sind und uns die Landschaft einfach nicht langweilig werden kann, kommen uns die zwei Stunden nicht zu lang vor. Das Reserva ist bekannt für seine noch sehr hohe Huemules-Vorkommen, eine Art chilenisches Rotwild, das leider in weiten Teilen des Landes fast nicht mehr zu sehen ist. Die Tiere wurden oft gejagt aufgrund ihrer zutraulichen Art und somit fast ausgerottet. Unsere Mission an diesem Tag mittels Spurenlesen welche aufzuspüren, gelingt nicht. Dafür sehen wir einen typischen Vogel, genannt Pescador (Fischer), der sich auf einem Ast ganz in der Nähe unseres Bootes niedergelassen hat und nach einem ruhigen Moment im Sturzflug auf die Wasseroberfläche des Sees zuschnellt. Offensichtlich war seine Beute schneller als er, denn er hat ganz knapp vor dem Eintauchen in das kalte, kristallklare Seewasser abgedreht. Wir kehren zurück an das Ufer und schmausen urig am Seeufer unser Mittagessen, bevor es wieder zurückgeht zur Hacienda. Und wie sollte es anders auch sein, spannen wir bei heißer Sauna, frischem Abkühlen im See und Jacuzzi aus, bevor wir erneut kulinarisch verwöhnt werden. Wir verlieren unseren ersten Einsatz von 5000 Pesos (ca. 6 Euro) beim Poker (Texas Holding) und gewinnen dagegen viel Spaß.

Valle Exploradores

Am zweiten Morgen sind wir neben einem chilenischen Pärchen ganz allein in der Hacienda und genießen zum ersten Mal zum Frühstück die vollkommene Abgeschiedenheit und Ruhe. Ricardo wird uns heute gemeinsam mit Natatscha (einer chilenischen Medizinstudentin, die sich über die Sommerferien mit Massagen ein bisschen Geld dazuverdient in der Hacienda und diesen Teil noch nicht gesehen hat) zur Marmorkathedrale entführen und anschliessend in das Valle Exploradores (Tal der Entdecker). Mit einem kleinen Boot fahren nach kurzer Autofahrt hinaus auf den Lago General Carrera (der größte südamerikanische See, welcher geteilt wird mit Argentinien und dort Lago Buenos Aires heißt) und ganz nah heran an ein paar Grotten etwas entfernt vom Ufer, die unterhalb vom Wasser ausgespült worden sind und schönste Marmorstrukturen zeigen. Die vielen dabei entstandenen Säulen und Bögen ergeben die Form eines Kathedralengewölbes von innen. Ebenso spannend fanden wir die durch die Erosion freigelegten Spuren der Vergangenheit, die verschiedenen Schichten von Marmor und Sediment und dessen Wachstum und Bewegung über die Zeit hinweg. Wieder im warmen Auto und ohne Wind bemerken wir, dass wir trotz Sonnencreme schon wieder rote Nasen bekommen haben, was aber nicht schlimmer werden würde, da sich der restliche Tag bewölkt und leicht regnerisch gestalten sollte. Unser nächstes Ziel ist nach einem etwas längeren und ein wenig beschwerlichen Weg der Glaciar San Valentín. Die Strecke wird derzeit noch ausgebaut und soll später (wohl bereits in einem Jahr) bis zum speziell für Expeditionen (u.a. zur Laguna San Rafael) geplanten Ort Bahía Exploradores (Bucht der Entdecker) führen. Heute erreicht man die Laguna San Rafael nur per Schiff (Cruiser) für viel Geld und in wenigstens 5 Stunden Fahrt pro Strecke (also wenigstens 12 Stunden-Exkursion, aber eigentlich eine mindestens zweitägige Exkursion). Wir erklimmen nun also den steilen Weg zum Aussichtspunkt des Gletschers San Valentín und werden reichlich belohnt durch den 360° weiten Ausblick in das gesamte Exploradores-Tal zu unseren Füssen. Ausserdem beobachten wir eine zeitlang eine (sehr!) kleine (da weit weg) Gruppe von Gletscherwanderern. Der Weg zurück führt uns durch einen urigen, immergrünen Wald und wir entdecken neben anderen Vögeln mehrere südamerikanische, schwarze Spechte (carpinteros negros) mit dem charakteristischen, leuchtendroten Irokesenschopf, die sich von unserem Interesse an ihnen kein bisschen gestört zu fühlen schienen und fleissig auf verschiedene Bäume einklopften. Selbst Ricardo meinte, er hätte diese sonst recht scheuen Vögel noch nie so nah zu Gesicht bekommen. Sozusagen der Ausgangspunkt oder Eingang zum Weg hinauf war eine kleine Holzhütte, in der 3 oder 4 junge Chilenen die gesamte Sommersaison über leben und gleichzeitig für die Gletschertrekkings und andere Ausflügler Informationen und Equipment zur Verfügung stellen bzw. von hieraus auch selbst Gruppen hinaufführen. In deren kleiner, mollig warmer Stube durften wir unser Mittagspicknick einnehmen und haben ein paar interessante Geschichten rund um den Gletscher und den Wald erfahren sowie unsere soeben gemachte Schwarzpechterfahrung stolz mitgeteilt, die erneut für sehr besonders deklariert wurde. Nur der Vollständigkeit halber möchten wir erwähnen, dass auch dieser Tag mit “sanus per aquam” und einer lustigen, dennoch wieder erfolglosen Pokerrunde haben ausklingen lassen. Zum Abendessen haben wir in dem kleinen, gemütlich patagonischem “Quincho” (auch “Fogón”, eine kleine Holzhütte mit offener Feuerstelle zum Grillen) neben dem Hauptgebäude patagonisches Lamm frisch gegrillt genossen. Einer unserer schönsten, interessantesten und auch längsten Abende, da wir viele Gesprächen mit dem chilenischen Pärchen (er: Diplomat, sie: italienisch-chilenisch, Marketing) geführt haben, die in den USA gelebt haben, 8 Jahre später nach Santiago zurückgekehrt sind und ihre Heimat nun ein zweites Mal kennenlernen wollten. Wir haben viele neue Fakten und Geschichten aus erster Hand erfahren über Chile und Südamerika generell.

ein Tag für uns

Durch die vielen Erlebnisse und gesammelten Eindrücke haben wir von dem eigentlichen Entspannen in der Hacienda nicht viel Gebrauch machen und die bisherige Reise kaum “verdauen” können. Daher entschieden wir uns für eine Verlängerungsnacht in der Hacienda und konnten den letzten Tag ohne Exkursion ganz für uns und nochmals so richtig in Ruhe genießen. Am Abend stand zu unserer Freude erneut “Quincho” auf dem Programm und wir kamen erneut in den Genuss angeregter Gespräche - diesmal mit einem älteren, holländischen Weltenbummler-Pärchens, die für insgesamt zweieinhalb Monate durch Südamerika reisen. Gestartet sind sie von Buenos Aires für 15 Tage auf der Hansa in die Antarktis und haben an Bord sämtliche naturwissenschaftlichen Vorträge gehört, die auf dem neuesten Stand der Forschung basierten. Laut diesen befindet sich die Erde derzeit am Ende einer Eiszeit und der “Normalzustand” der Erde ist eigentlich eisfrei. Das heißt, dass also das Schmelzen der Pole bzw. die Erderwärmung ein natürlicher Prozess in den zyklischen Temperaturentwicklungen unseres Planeten ist. Von den beiden Pensionisten haben wir auch viele nützliche Backpacker-Informationen erhalten, nicht nur für Chile, sondern auch für Südasien. Zum Pokern sind wir nicht mehr gegangen, da wir noch die Rucksäcke packen mussten. Der Wecker stand auf 5:45, damit wir pünktlich um 11.55Uhr den Flieger von Balmaceda nach Punta Arenas nehmen können.

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