der norden patagoniens (4.-8.2.)
die stadt coyhaique befindet sich bereits mitten im chilenischen teil patagoniens (der andere liegt auf argentinischem territorium). der genaue grenzverlauf ist nicht so ganz klar - einige lehrbücher sind der meinung, dass es bereits auf der höhe von puerto montt (also 1000km südlich von santiago) beginnt und somit auch die gesamten inseln von chiloé miteinschliesst und andere grenzen selbst chiloé noch aus und nennen coyhaique als “tor zur patagonia”.
wir fühlen uns ganz wohl in der -wie sich später herausstellen wird- letzten stadt vor beginn der “selva” (zu dt. urwald). sie ist klein, sehr gemütlich und hat alles zu bieten. wir essen das erste mal richtig “asado” (gegrilltes (lamm-od. schweine-), fleisch, wie es für patagonien (chile und argentinien) bekannt ist) und am nächsten abend gleich noch mal :). wir versuchen uns mit ausflügen in die näheren und weiterweg gelegenen parques nacionales und reservas nacionales. leider nicht so erfolgreich, da wir den kleinen aber bedeutenden unterschied zwischen parque n. (mit vielen besonderheiten in flora & fauna, eingerichtet für besucher mit wanderrouten, camping etc.) und reserva n. (naturreservat mit zu schützenden flora und faunabeständen; weniger für besucher, mehr für forschung somit keine ausgebauten wanderwege) erst später richtig begreifen. ausserdem erkunden wir einen eher verlassenen küstenort, der mehr als streckenpunkt zwischen dem noch verlasseneren dazugehörigen hafen und coyhaique gilt, dennoch ein strategisch wichtiger ausgangspunkt für den gesamten extrem dünn besiedelten süden chiles ist.
wir bekommen bereits jetzt einen ersten eindruck wie es ist, wenn sich nur aller 2 stunden autofahrt eine kleine siedlung befindet, die weder tankstelle noch geldautomaten hat, nur einen klitzekleinen supermercado (die schilder in diesen teilen des landes sind schon lange nicht mehr gedruckt oder andersweitig aufwendig hergestellt sondern einfach ein bepinseltes holzbrett). den letzten tag in coyhaique verbringen wir also mit einem improvisierten, dennoch nicht so erfolgreichem ausflug nach puerto aysen, da wir die organisation für unser eigentlich angedachtes ziel aus zeit- und eindeutig unterschätzen entfernungsgründen nicht durchführen können.
In der 7 millionen-metropole santiago gibt es busse in alle himmelsrichtungen und (fast) jederzeit, jedoch je weiter weg man von der hauptstadt kommt, desto seltener sind die vorkommen von öffentlichen verkehrsmitteln und fahrzeiten, die man irgendwie flexibel nutzen kann. immerhin hat chile nur 14 millionen einwohner überhaupt. wir waren eindeutig zu verwöhnt davon und planen für puerto natales und punta arenas besser vor. bei fast allen fahrten kaufen wir gleichzeitig die eventuelle rückfahrt und anschlussbusse.
ein anderer anhaltspunkt für den fast menschenleeren ‘grossen süden’ sind die strassen, im besonderen der südliche teil der carretera austral (zu dt. südliche verkehrsstrasse).
die strassen sind nur noch bis coyhaique und den naheligenden häfen puerto aysen sowie puerto chacabuco asphaltiert und richtung süden dann noch grosse betonplatten auf weiteren 100km der austral sur (es gibt nur eine -carretera austral sur und c.a. norte- daher ist keine nummer nötig :) ).
der berühmteste teil der carretera austral allerdings ist der, welcher kurz hinter dem winzigen örtchen villa cerro castillo (stadt schlossberg) im malerischen tal des gleichnamigen gebirgszugs liegt. cerro ist zu dt. eigentlich hügel, da hier aber die grossen berge z.t. über die 4000m marke steigen, ist in diesem falle der ‘schlosshügel’ stattliche 2.675meter!
beim verlassen des ortes entsteht ein bild wie von einem anderen planeten: die letzten häuser, noch ein letztes strassenschild mit entfernungen zu den nächsten nicht sonderlich grösseren orten, die bis zum ende der austral sur in villa o’higgins nach ca.450km folgen sollten (die kleinste angabe waren 179(!)km ) und dann liegen da vor uns die letzten 2 betonplatten, nach denen ein schotterweg folgt. wir machen grosse augen und wissen was dort vorn vor unseren augen liegt. die bis hierhin noch eher wenig greifbare, chilenische beschreibung ‘último rincón del mundo’ (letzte ecke der welt) wird auf einen schlag gefüllt mit eindrücken und gefühlen und man weiss, was diese worte wirklich bedeuten. es mischt sich abenteuerliche spannung zur ersten sprachlosigkeit und daraufhin vorfreude, wie es sich wohl anfühlt über diesem wilden teil der carretera austral zu fahren.
es folgen fast gar keine beschilderungen mehr (das häufigste waren die links-,rechts- bzw. doppel-s-kurvenhinweise). leitplanken gibt es, jedoch äusserst spärlich. wir begegnen erstaunlich vielen radfahrern, so vielen wie richtigen fahrzeugen und obwohl wir schon einiges gehört und gelesen haben darüber, kommen wir schwer aus dem staunen raus über die scheinbar ins nirgendwo führende und doch irgendwie zielgerichtete piste. Nicht nur die fahrbahn hält unsere aufregung stets lebendig, sondern die unberührte, wilde natur, welche sich ihr eigentum scheinbar wieder zurückholen wollte mit zweige, baumstämme, grösseren steinen und abgebrochenen fahrbahnteilen um so den menschen am weiteren vordringen zu hindern. Wir fahren durch lange tunnel aus dichtem geäst; unter unendlich, aufgereihten gebirgsketten entlang, die uns ab und zu ihre schneekuppen oder einen kurzen blick auf die eisblauen gletscher freigeben; durch täler mit flüssen, dessen wasser zweifarbig (gelbbraun-türkis) gemischt ist, je nachdem aus welchem tal und über welches gestein das wasser geflossen ist und kilometerlang entlang dem unheimlichen ‘bosque muerto’ - einem ‘toten wald’, der durch die asche vom ausbruch des hudsonvulkans komplett verbrannt bzw. abgestorben ist und wie ein friedhof wirkt. nach etwas weniger als 5 stunden werden wir unser flitterwochenhotel ‘hacienda tres lagos’ erreichen.